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In seiner Laudatio anlässlich der Verleihung der Paul-Martini-Medaille in Gold an Wolfgang Wirth schildert Hans J. Dengler den historischen Hintergrund der Stiftungsidee mit den Worten:
' In den dreißiger Jahren besaßen wir in Deutschland eigentlich alle Wurzeln für eine klinische Pharmakologie. Wir hatten Pharmakologen mit hohem Engagement für die Arzneimittelbehandlung, stellvetretend sei hier Herr Heubner genannt, wir hatten in Dost, Kupfmüller und Druckrey Wissenschaftler, die zu einer Zeit, in der noch niemand von ihr sprach, die Grundlagen für die moderne Pharmakokinetik legten, wir besaßen in Bennhold, der sich 1931 in Hamburg für Innere Medizin und Klinische Pharmakologie habilitierte, einen Vertreter einer biochemisch orientierten Klinischen Pharmakologie und wir hatten auf dem klinischen Sektor in Paul Martini einen Mann vorzuweisen, der in seiner Methodenlehre klinisch therapeutischer Forschung hier in Deutschland die Methodologie des kontrollierten klinischen Versuchs entwickelte. Trotzdem fehlte der zündende Funke für ein Gebiet, das uns dann -letztendlich- aus den USA als Klinische Pharmakologie importiert wurde.'
Drei dieser Pioniere, nämlich Dost, Bennhold und Martini wurden durch die Paul-Martini-Medaille in Gold wegen ihrer wegweisenden Leistungen geehrt.
In Deutschland gab es Anfang der sechziger Jahre eine Reihe begeisterter junger Wissenschaftler, die sich die Klinische Pharmakologie auf ihre Fahnen geschrieben hatten und ihre ersten Schritte wagten. Sie kamen aus der Klinik und der Pharmakologie - eine anerkannte Disziplin gab es nicht.
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Zu diesem Zeitpunkt war es ein glücklicher Umstand für die Stiftung, in ihrem ersten wissenschaftlichen Berater, Prof. Dr. phil. Dr. med. Dr. med. h. c. Wolfgang Wirth, einen erfahrenen Pharmakologen und Toxikologen mit tiefem Respekt vor der Klinik gefunden zu haben. In seinen pharmakologischen Vorlesungen warnte er die Studenten immer wieder vor der blinden Übertragung tierexperimenteller Befunde auf den Menschen und betonte, dass letztendlich die klinische Erfahrung entscheidend sei. Gepaart mit dieser wissenschaftlichen Zurückhaltung und Besonnenheit zeichnete Wirth eine hohe Dialog- und Hilfsbereitschaft - besonders für die Jugend - aus. So ist es sicher kein Zufall, dass die Paul-Martini-Stiftung die Förderung der Klinischen Pharmakologie von vorneherein personenbezogen vornahm.
Es begann ein intensives Stipendienprogramm von meist einjähriger Dauer. Engagierte und begabte Stipendiaten wurden ausgewählt und an geeignete Institute, meist in den USA, vermittelt. So entstand ein beträchtlicher Kreis von jüngeren Wissenschaftlern, die nicht nur ihre eigene Ausbildung in den USA erlangten und miteinander Kontakt hatten, sondern auch den bleibenden Dialog zu maßgeblichen Instituten in den USA herstellten und pflegten.
Im Rahmen des Stipendienprogramms wurde dann sehr bald erkannt, dass die Auswahl der geeigneten Stipendiaten und die Wahl des passenden Gastinstitutes durch die finanzielle Betreuung der Forschungsarbeit der zurückkehrenden Stipendiaten ergänzt werden mussten. Nur durch die Beachtung dieser drei Faktoren war es möglich, zumindest einige Klinische Pharmakologen so zu fördern, dass Forschungszellen entstehen konnten.
Erweitert wurde die Förderung der Klinischen Pharmakologie ab 1969 durch den Paul-Martini-Preis. Er wird jährlich international ausgeschrieben und für herausragende klinisch-pharmakologische Arbeiten vergeben. Aus der anfänglich mit DEM 5.000 heute EUR 25.000 dotierten Auszeichnung ist inzwischen eine wissenschaftlich anerkannte Ehrung geworden, die vielen Forschern zuteil wurde. Der Preis wird heute jedes Jahr beim Paul-Martini-Empfang anläßlich der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Wiesbaden verliehen.
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Unter dem zweiten wissenschaftlichen Berater, Prof. Dr. med. Dr. med. h. c. Hans Erhard Bock wurde gemeinsam mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft von 1974 - 1978 ein Programm 'Klinische Pharmakologie' begründet. Es wurde von der Paul-Martini-Stiftung mit über 2 Mio. DEM unterstützt. Schwerpunkt war die Einrichtung von Lehrstühlen für Klinische Pharmakologie an den deutschen Hochschulen. Leider wurde durch die 1975 - 1977 einsetzende Rezession trotz der Bereitschaft vieler Fakultäten des Ziel der notwendigen Institutionalisierung und Etablierung der Klinischen Pharmakologie nur unzureichend verwirklicht.
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Es gelang jedoch, auch durch die alle zwei Jahre von der Paul-Martini-Stiftung veranstalteten Göttinger Seminare den Dialog zwischen Stipendiaten, die über ihre Arbeiten sowie über ihre Erfahrungen berichteten, und einen immer größer werdenden Kreis von Klinikern und Pharmakologen von Hochschule und Industrie zu fördern und lebendig zu halten. Die Idee von der Notwendigkeit des jungen Fachgebietes aber hat sich durchgesetzt: So empfahl z. B. 1979 die Gesundheitsministerkonferenz der Kultusministerkonferenz, der Errichtung von Lehrstühlen und Schaffung von Abteilungen für Klinische Pharmakologie an den Universitäten besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Der deutsche Ärztetag beschloß im selben Jahr, das Teilgebiet Klinische Pharmakologie und seine Weiterbildungswege zu verabschieden.
Dies war der Zeitpunkt, da der Vorstand der Paul-Martini-Stiftung anregte, das Konzept der Stiftungsarbeit zu aktualisieren. Ohne vom bisherigen Schwerpunkt 'Klinische Pharmakologie' abrücken zu wollen, wurde für eine Erweiterung der Aufgabenstellung unter stärkerer Hinwendung zur Pharmakotherapie plädiert. Das Ziel war, eine verbesserte und zudem kostengünstigere Arzneimitteltherapie zu fördern, die einen gezielten Einsatz von Medikamenten bei verminderten Nebenwirkungen erlaubt.
Der Stand der Erkenntnisse in Klinischer Pharmakologie sollte in die Praxis umgesetzt werden. Es wurde deutlich, dass die Zukunft der pharmazeutischen Industrie wesentlich vom Verordnungsverhalten der niedergelassenen Ärzte abhängt, da sie - und unter ihnen insbesondere Internisten und Allgemeinmediziner - rund drei Viertel aller Kassenpatienten ambulant verschriebenen Arzneimittel verordnen. In zahlreichen Gesprächen mit der Ärzteschaft und der Bundesärztekammer wurde diese Ansicht geteilt und die Notwendigkeit gezielter Fortbildungsmaßnahmen in 'Rationaler Pharmakotherapie' unterstrichen.
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Unter der Federführung ihrer wissenschaftlichen Berater Prof. Dr. med. Hellmuth Kleinsorge und Prof. Dr. med. Hans Josef Dengler entwickelte sich die Paul-Martini-Stiftung nun immer mehr von einer 'nur' finanziell unterstützenden Institution zu einem Veranstalter wissenschaftlicher Begegnungen (Symposien, Workshops, Expertengespräche) von forschender Industrie, Universität, Klinik und Praxis. Genannt seien hier beispielhaft die in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz durchgeführten Symposien oder die Beiträge der Paul-Martini-Stiftung im Hauptprogramm der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Eigene Veröffentlichungen der Paul-Martini-Stiftung wurden ein fester Punkt im Programm der Stiftungsaktivitäten.
Im Laufe der Jahre hat sich die Paul-Martini-Stiftung kontinuierlich einen festen Platz in der deutschen Inneren Medizin erworben. Seit 1991 sind die Mitgliedsfirmen der ursprünglichen Stiftung korporative Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Die Anerkennung der Paul-Martini-Stiftung hat zu einem Abbau der Berührungsängste zwischen klinischer Medizin und pharmazeutischer Industrie geführt.
Anfang der neunziger Jahre hat der Vorstand der Stiftung über eine Anpassung der Ziele diskutiert: Die Arzneimitteltherapie und die Klinische Pharmakologie stellen danach weiterhin einen Arbeitsschwerpunkt der Stiftung dar, aber andere Themen hatten gegenüber früher eine deutlich größere Bedeutung gewonnen. Insbesondere waren die öffentlichen und gesundheitspolitischen Diskussionen neben die rein wissenschaftlichen Gesichtpunkte getreten. Der Stiftungsvorstand betrachtete daher die Themen 'Kosten-Nutzen-Analyse' und 'Lebensqualität' und deren Relevanz für die Therapieforschung als besonders dringlich. Es wurde herausgearbeitet, welche qualitativen und quantitativen Vorteile die Arzneimitteltherapie allgemein bei einer großen Anzahl von Erkrankungen bietet. Als ein weiteres wichtiges Thema wurde die Pharmakoepidemiologie definiert.
1994 nahm die Paul-Martini-Stiftung dann eine wichtige Hürde - nämlich den Wechsel aus der Trägerschaft der Medizinisch Pharmazeutischen Studiengesellschaft in den Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA). Dieser Wechsel war nicht einfach, aber er ist gemeistert worden.
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Der Dank gilt allen VFA-Firmen, die sich den Zielsetzungen und wissenschaftlichen Prinzipien der Paul-Martini-Stiftung gegenüber aufgeschlossen gezeigt haben. Die Aufgaben, die sich die Paul-Martini-Stiftung im VFA stellt, sind nun bewußt um den Beitrag erweitert, den forschende Industrie leisten kann, um in Zukunft die klinische Forschung in Arzneimitteltherapie und Arzneimittelsicherheit zu fördern.
Die Paul-Martini-Stiftung hofft damit dem Anspruch, wie er von Bock in seinem Dankeswort anlässlich der Verleihung der Paul-Martini-Medaille in Gold formuliert wurde, näher zu kommen:
'.. Die Arzneimittelforschung muss ständig besorgt sein, dass die Korrespondenz von Krankheitsvorstellungen und Heilungsvorstellungen, von Wunsch und Wirklichkeit der Krankheitsprozessbeinflussung, die Symmetrie von Aufwand und Mittel und eine gesunde, verantwortbare Relation von (maximalem) Nutzen und (minimaler) Schädigungsmöglichkeit gewahrt bleiben...
.. Innovationsgeist muss zum Innovationsvermögen in der rechten Beziehung stehen, und stets ist daran zu denken, dass Erfindungen nicht auf dem Dienstweg planbar, dass wissenschaftliche Begeisterung nicht stundenplanfähig und Ethik nicht haushaltsansatzfähig ist...
... Die gefährliche Rochade von Humanität und Haushaltszwang scheint gerade im Gange. Das Ärztliche darf nicht schachmatt gesetzt werden. Vor Verwaltungsverfremdungen jeder Art muss das Ärztliche auf der Hut sein...'
Die Stiftung wird den wissenschaftlichen Dialog zwischen den Hochschulen, Kliniken, der forschenden pharmazeutischen Industrie und anderen Forschungseinrichtungen sowie den deutschen und internationalen Behörden intensivieren. Sie wird auf die im Rahmen der Arzneimittelforschung geleisteten Beiträge zur Grundlagenforschung für Theorie und Praxis der Medizin hinweisen.
Wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen, kann es gelingen, Deutschland mit seiner langjährigen Erfahrung in der Forschung als Forschungsstandort zu erhalten und zu festigen.
Dies entspricht dem Ziel der Paul-Martini-Stiftung und den heutigen Herausforderungen.
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