Paul-Martini-Preis

Ein Interview mit Prof. Dr. Alwin Krämer, dem Träger des Paul-Martini-Preises 2026

Mehr Aufmerksamkeit für das CUP-Syndrom

Herr Professor Krämer, den diesjährigen Paul-Martini-Preis haben Sie für neue Therapien beim CUP-Syndrom bekommen. Klären wir gleich einmal: Wie spricht man ‚CUP‘ richtig aus?

Üblicherweise „Kupp“ mit einem kurzen U, auch wenn die Abkürzung eigentlich von „Cancer of Unknown Primary“ kommt. „Primary“ meint den Primärtumor, den man beim CUP-Syndrom vergeblich sucht.

Wie kann es sein, dass man den nicht findet?

Dazu gibt es nur Hypothesen. Eine besagt, dass der Primärtumor vom Immunsystem erfolgreich bekämpft wurde. Eine andere nimmt an, dass der Patientin oder dem Patienten teilweise Jahre zuvor Gewebe entfernt wurde ‒ etwa am Gebärmutterhals ‒, das man nur für eine Krebsvorstufe hielt, was es aber nicht war. Die dritte Hypothese knüpft an dem Phänomen an, dass Epithelzellen schon allein durch eine einzige Mutation mobil werden und sich an neuen Stellen ansiedeln können, ohne sich ansonsten maligne, also wie Krebszellen, zu verhalten. Entwickeln sie dann aber doch noch Malignität, indem sie sich ungebremst vermehren und in das umliegende Gewebe einwachsen, kommt es zur beobachteten Metastasenbildung. Vielleicht stimmen ja alle drei Hypothesen ‒ in jeweils anderen Fällen.

Sie sind ein international gefragter Experte für das CUP-Syndrom. Wie kam es dazu?

Im Grunde zufällig. Als ich 2006 ins Deutsche Krebsforschungszentrum eintrat, wurden am damals neu gegründeten Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg gerade Arbeitsgruppen mit Fokussierung auf je eine Tumorart eingerichtet. Mir wurde angeboten, die Gruppe zum CUP-Syndrom zu leiten. Ich sagte: „Gerne.“ Man müsse mir zuvor allerdings noch erklären, was das CUP-Syndrom denn sei. Bald lernte ich, dass es sich dabei um die immerhin siebthäufigste Krebserkrankung mit einer sehr schlechten Prognose handelt und man außer platinbasierter Chemotherapie wenig Therapieoptionen hat.

Wir haben dann zunächst damit begonnen, Erbgutuntersuchungen von CUP-Metastasengewebe durchzuführen. Dabei fielen uns gelegentlich Mutationen auf, zu denen es schon passende Medikamente gab – allerdings nur mit Zulassung bei anderen Tumorarten mit jeweils bekanntem Primärtumor. Mit diesen Medikamenten führten wir individuelle Heilversuche bei den betreffenden CUP-Erkrankten durch und hatten oft Erfolg. Eine darauf aufbauende klinische Prüfung wurde schließlich gemeinsam mit dem Unternehmen Roche, das eigene Medikamente beisteuerte und obendrein weitere Arzneimittel anderer Firmen zukaufte, verwirklicht. An der Studie mitgewirkt haben 159 Kliniken in 34 Ländern. Die Studienmedikation war personalisiert: die Medikamentenauswahl im experimentellen Arm erfolgte in Abhängigkeit von den jeweiligen Mutationsprofilen der Patientinnen und Patienten.

War es schwer, die anderen Kliniken für eine Mitwirkung zu gewinnen?

Gar nicht; das Interesse war sehr groß. Nur galt es dann, den Austausch mit den Partnerkliniken zu verstetigen und sie bei der Stange zu halten, sodass sie nicht nachließen, Patientinnen und Patienten für die Studie zu gewinnen.

Und das personalisierte Konzept hat sich bewährt?

Ja, das hat es. Deshalb haben wir auch noch in einer zweiten Studie den Einsatz weiterer Krebsmedikamente mit Zulassung für andere Tumorarten erprobt. Auch das mit Erfolg. Erfolg heißt: Aufbauend auf einer umfassenden Biomarker-Testung kann die Medizin nun rund einem Drittel der CUP-Patientinnen und -Patienten statt der Standard-Chemotherapie oder danach eine personalisierte Therapie mit zielgerichteten Krebsmedikamenten oder Immunonkologika anbieten. Dies wiederum verhilft einem Teil der Behandelten zu länger anhaltender krankheitsfreier Zeit. Das Konzept konnten wir inzwischen in die Behandlungsleitlinien der European Society for Medical Oncology, kurz ESMO, aufnehmen.

Wohin geht die CUP-Forschung jetzt?

Es gibt zwei wesentliche Forschungsrichtungen. Die eine untersucht, ob sich mithilfe molekularbiologischer Methoden die Ursprungsorgane von CUP-Erkrankungen nicht doch noch identifizieren lassen. Bei manchen Patientinnen und Patienten könnte das die Therapieentscheidung weiter verbessern. Es ermöglicht darüber hinaus die Finanzierung der Therapiekosten durch die Krankenkassen, wenn man die Metastasen einer Primärtumorart zuordnen kann.

Die andere Richtung fragt nicht, woher die Metastasen kommen, sondern nur, wie man sie angreifen kann. In diesem Sinne planen wir als Nächstes die Erprobung einer weiteren Antikörper-Wirkstoff-Verbindung mit Patientinnen und Patienten, bei denen die Metastasen das Protein TROP2 in großen Mengen bilden. Außerdem wollen wir eine CAR-T-Zell-Therapie auch bei Patientinnen und Patienten mit CUP-Syndrom erproben.

Das Thema CUP-Syndrom ist für Sie also auch mit dem Preis nicht abgeschlossen ...

Ich freue mich sehr über den Preis. Noch wichtiger, als dass ich ihn bekomme, scheint mir aber, dass durch ihn das CUP-Syndrom, eine lange stiefmütterlich vernachlässigte Erkrankung, mehr Aufmerksamkeit bekommt. Da ist noch viel zu tun!

Das Gespräch führte Dr. Rolf Hömke von der Paul-Martini-Stiftung im April 2026

Paul-Martini-Preis 2026

Prof. Dr. Alwin Krämer vom Deutschen Krebsforschungszentrum und dem Universitätsklinikum Heidelberg; Träger des Paul-Martini-Preises 2026 für herausragende klinisch-therapeutische Arzneimittelforschung (Foto: Paul-Martini-Stiftung).